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Wenn Wände Geschichte(n) erzählen – Wandmalereien auf Sardinien

Wenn wir über das andere Sardinien erzählen möchten, dann beginnt unser Blog eigentlich immer mit „Die beliebte Ferieninsel im Mittelmeer bietet nicht nur türkisblaues Meer, einsame Buchten, Granitfelsen und lange Sandstrände, sondern ….. “ . So ist es auch diesmal wieder, denn wir möchten über die Murales, die faszinierenden Wandmalereien auf Sardinien, berichten, die besonders in den kleinen Orten und Dörfern im Landesinneren sehr präsent sind. Denn die Entdeckung der sardischen Street Art kann der perfekte Anlass sein, um ein anderes, aber ebenso einzigartiges Sardinien kennenzulernen

Auf der Insel gibt es mittlerweile fast 2.000 Wandmalereien, die eindrucksvoll von der Geschichte und dem Alltag der Menschen, von Arbeit und Armut, von Hirten und Bauern, von Migration und politischen Konflikten, von Krieg und Frieden und vor allem von der sardischen Identität erzählen.

Wenn die Straße zum Geschichtsbuch wird

Besonders in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden die Wandbilder auf Sardinien zu einem Medium, mit dem sich die Bevölkerung in den Dörfern zu gesellschaftlichen und politischen Fragen äußerte. Die Wände von Hausfassaden und Mauern in engen Gassen wurden als gemeinschaftliches Projekt bemalt, unter anderem mit Bilder yu ploitischen Motiven, aber auch mit Motiven zum Alltag, zur Arbeit und zu dem Traditionen Sardiniens.

In einigen Dörfern sind die Murales besonders vielfältig und beindruckend, und wir möchten diese Orte vorstellen.

Orgosolo – die berühmtesten und politischsten Murales

Wenn man von den Murales auf Sardinien spricht, ist Orgosolo normalerweise die wichtigste Adresse. Mehr als 150 Murales prägen dort das Ortsbild. Umgeben von schroffen Berghängen und unberührter Natur liegt der Ort mit rund 4.000 Einwohnern im Osten Sardiniens, nicht weit von der Provinzhauptstadt Nuoro entfernt.

Hier entstand 1969 im Zusammenhang mit den Protesten gegen die geplante Einrichtung eines militärischen Übungsplatzes in Pratobello der erste Zyklus von Wandbildern. Einige Jahre später arbeitete der aus Siena stammende Lehrer Francesco Del Casino mit seinen Schülern in Orgosolo: Im Mittelpunkt standen zunächst der antifaschistische Widerstand und die Erinnerung an die italienische Befreiung. Danach kamen zahlreiche weitere sardische und internationale Künstler hinzu, sodass sich die Themen der Wandbilder nicht nur auf Sardinien beschränken, sondern sich auch mit internationalen Ereignissee befassen, etwa den Anschlag auf das World Trade Center 2004.

San Sperate – der eigentliche Ausgangspunkt der sardischen Murales-Tradition

Weniger bekannt, aber ebenso wichtig ist der Ort San Sperate südlich von Cagliari, da hier die bereits etwas früher die Kunst der Wandmalerei entstand. Verantwortlich dafür war der Bildhauer Pinuccio Sciola, der 1968 in seinen Geburtsort mit der Idee zurückkehrte, das gesamte Dorf mit Kunst zu verändern. Aus San Sperate wurde dadurch ein „Paese-Museo“ – ein Museumsdorf, mit heute mehr als 200 Murales, die über den Ort verteilt sind.

Während in Orgosolo mehr der politische Charakter dominiert, zeigen die Murales in San Sperate eher Bilder zu Gemeinschaft, Alltag, Kunst, und Lebensfreude.

Tinnura – klein, außergewöhnlich und sehr fotogen

Ein ganz anderes Erlebnis bietet der kleine Ort Tinnura , der an der nördlichen Westküste, etwa 2 km von Bosa entfernt ist. Wenn ein Dorf vom Aussterben bedroht ist, hat es zwei Möglichkeiten: sich dem Unvermeidlichen hingeben oder sich neu erfinden. Tinnura entschied sich 2001 dafür, nicht in Vergessenheit zu geraten, und antwortete mit einer Politik der Aufwertung, Wertschätzung und Wiederbelebung des Stadtzentrums. Im Ort sind Straßen und Hausfassaden mit zahlreichen Murales verziert worden, wobei der Schwerpunkt Natur, sardische Traditionen, Tiere, Landwirtschaft und das alltägliche Leben liegt. Tinnura ist aufgrund seiner „Kleinheit“ für seine außergewöhnlich hohe Dichte an Wandmalereien bekannt.

Villamar und Serramanna – Geschichte und Migration

Villamar liegt im Süden Sardiniens zwischen Cagliari und Oristano und zählt ebenfalls zu den wichtigen Orten der Murales-Tradition. Hier entstand eine besondere Verbindung zwischen sardischen Künstlern und chilenischen Exilanten, die nach dem Militärputsch in Chile nach Europa gekommen waren. Daraus entwickelte sich ein künstlerischer Impuls, der dazu führte, dass Villamar seine Hauswände mit Szenen aus der Geschichte schmückte.

2016 wurde der Street-Art-Künstler Manu Invisible gebeten, ein neues Murales zu schaffen: er verewigte vier große sardische Künstler, nämlich Grazia Deledda (Literatur-Nobelpreisträgerin), Andrea Parodi (unsterbliche sardische Stimme), Pinuccio Sciola (Künstler und Visionär) und Antonello Salis (Jazzsänger und Musiker) im Kunstwerk „Bagliori“ (zu deutsch „Blitze“).

Auch Serramanna, das ebenfalls im Süden und gut 4 km nördlich von San Sperate liegt, spielt eine wichtige Rolle, Besonders bekannt ist das Werk „Emigrazione è deportazione“ von 1979. Es beschäftigt sich mit der sardischen Emigration und der Tatsache, dass viele Menschen die Insel verlassen mussten, um Arbeit und eine Zukunft zu finden.
Das Thema ist für Sardinien besonders bedeutend, weil die Migration auch heute noch einen wichtigen Bestandteil der modernen sardischen Geschichte darstellt.

Weitere interessante Murales-Dörfer

Die Tradition ist längst nicht auf einige wenige Orte beschränkt. Murales findet man unter anderem in

  • Loceri,
  • Mamoiada,
  • Fonni,
  • Oliena,
  • Borore,
  • Flussio,
  • Sennariolo,
  • Montresta,
  • Ozieri,
  • Selegas
  • San Gavino Monreale.

Besonders interessant ist San Gavino Monreale, wo eine jüngere Generation von Künstlern alte Gebäude, Gassen und Plätze mit großformatigen Arbeiten neu interpretiert. Dort verbindet sich die klassische sardische Murales-Tradition  mit moderner Street Art. Seit 2017 organisiert der Kulturverein Skizzo gemeinsam mit der Bevölkerung Street-Art-Projekte, lockt Touristen an, bietet geführte Touren und weitere touristische Dienstleistungen an.

Auch im Süden Sardiniens, etwa in Sant’Antioco, findet man inzwischen künstlerische Routen unter freiem Himmel.

Was macht die sardischen Murales so besonders?

Die Murales zeigen Sardinien nicht so, wie es auf einer der üblichen Postkarte aussieht. Sie zeigen Sardinien aus der Perspektive seiner Bewohner und erzählen dabei von Stolz und Widerstand, von schwierigen Zeiten und von der Verbundenheit mit der eigenen Heimat. Sie zeigen das Leben der Hirten ebenso wie die Rolle der Frauen, die Bedeutung der Familie, die Arbeit auf dem Land und die Veränderungen einer Gesellschaft.

Wer durch Orgosolo, San Sperate oder Tinnura spaziert, sieht deshalb nicht einfach nur bemalte Hauswände: Man begegnet einer Form von Kunst, die mitten im Leben entstanden ist und für alle sichtbar ist. Eine Wandmalerei kann gleichzeitig Kunstwerk, historisches Dokument und politische Aussage sein und zeigt eine Gesellschaft, die sich mit ihrer eigenen Identität, ihren Traditionen und den Veränderungen unserer Zeit dynamisch auseinandersetzt.

Murales erleben – mit offenen Augen und etwas Zeit

Wer Sardinien abseits der klassischen Touristenrouten kennenlernen möchte, sollte deshalb einen Besuch der Murales in seine Reise einplanen: Es lohnt sich, zu Fuß durch die Dörfer zu gehen, stehen zu bleiben und die einzelnen Bilder genauer zu betrachten. Gerade in Orgosolo kann eine geführte Besichtigung besonders interessant sein, denn viele der Bilder erzählen konkrete Geschichten und beziehen sich auf Ereignisse, Personen oder politische Bewegungen.

Wer nicht viel Zeit hat, sich aber trotzdem die sardischen Murales anschauen möchte, dem empfehlen wir folgende Orte:

  • Orgosolo im Nordosten ist die erste Adresse für alle, die sich für Geschichte, Politik und sardische Identität interessieren.
  • San Sperate im Süden begeistert mit seinem Konzept eines ganzen Dorfes als Kunstwerk.
  • Tinnura an der Westküste fasziniert durch seine Dichte und die liebevollen Darstellungen des sardischen Alltags.

… und für alle, die mehr Zeit haben und mehr sehen möchten

  • Fonni am Fuße des Gennargentu-Gebirges: Was viele nicht wissen, ist, dass es hier etwa 30 wunderschöne Murales gibt, die den Alltag des Dorfes darstellen – von Festen bis hin zu Karnevalsmasken. Auf einer Karte sind alle Murales verzeichnet, die man auf einer empfohlenen Route besichtigen kannst, mit detaillierten Erklärungen zu jedem Werk.
  • Onanì: hier gibt es zahlreiche Skulpturen und wunderschönen Murales. Eines der bedeutendsten, das die Gemüter bewegt, befindet sich vor dem Rathaus: Es wurde von Diego Asproni geschaffen, der Geschichten von Kampf, Forderungen und sozialem Protest erzählt.
  • Selegas: 2018 veranstaltete der Ort den Kunstpreis „Luigi Pu“ zu Ehren des 2015 verstorbenen Künstlers, der das Dorf und seine Murales so eindrucksvoll dargestellt hatte. Eines der beeindruckensten Werke zeigt eine alte Frau, die der sardischen Landschaft den Rücken kehrt und deren Gesicht von Sorgenfalten gezeichnet ist
  • Cossoine im Nordwesten Sardiniens besticht durch Wandmalereien, die den Alltag zeigen: vom Herrn, der die typische sardische Kopfbedeckung „Bonette“ trägt und ein Blasinstrument spielt bis hin zur älteren Frau in traditioneller schwarzer Tracht, die ihre Wäsche aufhängt und ihren Blick über das Dorf schweifen lässt.
  • In Palau im Nordosten steht der erzählerische und beschreibende Aspekt der Kunst im Vordergrund – realistisch und zugleich idealisiert.
  • Macomer hat die historischen Ereignisse stets mit großer Leidenschaft erlebt und sich von ihnen prägen lassen.
    Seit 2016 gibt es ein Projekt zur Aufwertung des städtischen Raums durch Murales und Street Art, das auf einem kreativen Festival basiert: ProPositivo. Jedes Jahr steht ein anderes Thema im Mittelpunkt der Veranstaltungen und Werke, wodurch Künstler aus aller Welt angelockt werden und junge Menschen von sardischen Universitäten und Gymnasien einbezogen werden. Beim Festival der Resilienz 2019 wurde Grazia Deledda ein Murales gewidmet: schwarzer Hintergrund, ein von Farben erfülltes Gesicht und ein Zitat der ersten weiblichen Literatur-Nobelpreisträgerin: „Wir sind das ununterbrochene Reich des Mastixstrauchs, der Wellen, die über das alte Granit fließen, der Hundsrose, des Windes, der Weite des Meeres…“
  • Sadali ist reich an Street Art: es gibt Murales zum sardischen Spiel „Sa Murra“ oder Fotos von Männern und Frauen, die längst verstorben sind, aber in der Erinnerung und den Augen der heutigen Bewohner weiterleben. 2015 war Sadali Gastgeber von Murartista, einer künstlerischen Initiative, die internationale Künstler und ihre kreativen Ideen in das kleine Dorf brachte. Eines der bedeutendsten Werke stammt zweifellos von ROA, einem belgischen Künstler. Sein Murales zeigt ein Wildschwein in einem düsteren Stil mit starken, klaren Linien.
  • Montresta zwischen Bosa und Alghero gelegen ist ein Freilichtmuseum für Street Art und zwar mit Werken, die an historische Ereignisse erinnern, Ehrungen darstellen und die Identität des Ortes widerspiegeln. Das Dorf ist auch für die handwerkliche Herstellung von Körben bekannt, die ebenfalls in den Murales dargestellt und erzählt werden.


Möchten Sie diese Wandmalereien kennenlernen? Kontaktieren Sie uns, wir beraten Sie gerne persönlich und helfen Ihnen,  Ihre Reise so zu gestalten, dass Sie einige der Murales entdecken können.

  • Telefon: +39 070 2040391 (auch Whatsapp)
  • E-Mail: booking@sardinianatour.com
  • Website: www.sardinianatour.com

Über den Autor

Team SardiniaNatour

Zum Team gehören Katrin, Katja und Claudia. Gemeinsam leiten wir SardiniaNatour, einen unabhängigen Sardinien-Spezialisten mit Sitz in Cagliari.

Seit 2005 unterstützen wir Reisende bei der Planung individueller Sardinien-Reisen. Unsere Empfehlungen basieren auf langjähriger Erfahrung, lokaler Expertise und regelmäßigen Recherchen vor Ort. Dabei legen wir Wert auf authentische Empfehlungen, nachhaltigen Tourismus und einen respektvollen Umgang mit Menschen und Natur.

Mit unserem Blog möchten wir Euch praktische Informationen, Inspiration und echte Einblicke für Sardinien geben – jenseits von Reiseführern und Standardtipps.